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Von SunTsu, Corona Zeitbomben und Chancen für Innovatoren

Dr. Stefan Fink, Chief Economist KPMG Österreich und Professor für Finanz- und Risikomanagement, FH Steyr

SunTsu, ein chinesischer General und Philisoph, schuf vor über 2.500 Jahren mit seinem Werk „Die Kunst des Krieges“ den wohl frühesten Strategieratgeber – nicht nur für Offiziere. Das Werk enthält eine zentrale Warnung:
„Wenn Du weder den Feind noch Dich selbst kennst, wirst Du in jeder Schlacht unterliegen“.

Nun sind wir gottseidank nicht inmitten einer militärischen Auseinandersetzung – wohl aber in der schwersten Rezession seit dem 2. Weltkrieg. Trotzdem ist dieser Ratschlag – vor allem auch wirtschaftspolitisch – relevanter denn je.

Der aktuelle Feind ist schnell ausgemacht: Die Covid-19 Pandemie und der von ihr ausgelöste Schock auf Angebots- und Nachfrageseite der Volkswirtschaft erwische die Weltwirtschaft auf den völlig falschen Füßen. Und trotzdem – auf den ersten Blick erscheinen die aktuellen Daten zu Österreichs Volkswirtschaft beruhigend, ja ermutigend. Obwohl im 2. Quartal das Bruttoinlandsprodukt um historische 12,8% gegenüber dem Vorjahreswert einbrach (und manche Sektoren einen mehr als doppelt so starken Einbruch verkraften mussten), liegen die Konkurse im ersten Halbjahr 2020 laut KSV um 25% unter jenen des Vorjahres.

Hat sich der Feind zurückgezogen?

Nein. Die Pandemie und ihre Auswirkungen sind da. Und mit ihr das extrem hohe Maß an Verunsicherung: Bei Konsumenten, Unternehmen – und in der Politik. So spiegeln beispielsweise die vermeintlich so ermutigenden Insolvenzzahlen die wirtschaftliche Realität nicht wider. Im Gegenteil.

Kenne Dich selbst

Der KSV stellt fest, dass die wirtschaftspolitischen Maßnahmen zur Konkursvermeidung vom KSV eine „falsche Medikation“ darstellen, die Insolvenzen verschleppen und notwendige Sanierungen von „kranken“ Unternehmen unterbinden. Tatsächlich sind die beiden wichtigsten Institutionen, die Konkursanträge stellen, einerseits die Finanzämter, und andererseits die Krankenkassen. Und die stellen derzeit keine Anträge. Damit ist gewiss: Mit Ende der Stundungen und Moratorien, etwa bei der Fälligkeit der Sozialversicherungsbeiträge (Jänner 2021) wird es zu einem sprunghaften Anstieg der Insolvenzen kommen. Das ist eine von mehreren unangenehmen Wahrheiten. Und es ist von höchster Wichtigkeit, sich mit diesen auseinanderzusetzen.

Zur konkreten Höhe der erwarteten Anstiege gab es lange keine konkreten Prognosen, und auch jetzt sind wir weit davon entfernt, präzise Aussagen zur Erwartung geben zu können. Die jüngsten Daten zeichnen ein düsteres Bild. Der weltweit größte Kreditversicherer Euler Hermes bezeichnet COVID-19 als „Insolvenz- Zeitbombe“, und die Daten rechtfertigen den Ausdruck:

So wird für Österreich ein Anstieg der Insolvenzen in den Jahren 2020 und 2021 von insgesamt +21% erwartet – falls es keine 2. Welle gibt, wohlgemerkt. Daraus können bei einer globalen 2. Welle schnell +80% werden.

Begegne der Unordnung mit Ordnung und dem Ungestüm mit Ruhe. UndSei innovativ!

Die Daten sind unsicher, aber das zu erwartende wirtschaftliche Szenario liegt auf dem Tisch. Die transparente Auseinandersetzung ist ein erster Schritt. Und sich gleichzeitig die Frage zu stellen, wo die größten Chancen liegen, um unsere Ökonomie mittel- bis langfristig so schnell wie möglich wieder auf den Erfolgspfad zurückzuführen.

Denn schon vor der Pandemie befand sich die Volkwirtschaft in einer umfassenden Transformation. Neue, digitale Geschäftsmodelle mit neuen Produkten und Leistungen bahnen sich ihren Weg, und sowohl im verarbeitenden Gewerbe (Stichwort Industrie 4.0) als auch im Bereich der Dienstleistungen entsteht ein Produkt- und Leistungsportfolio, dass selbst mit jenem vor wenigen Jahren kaum zu vergleichen ist.

Hier federführend mit dabei zu sein erfordert ein umfassendes „Neu Denken“: Ein offenes, innovatives Mindset. Gerade die Gründer- und Startupdynamik sind hier – und zwar im besten Sinne des Wortes – Beschleuniger.

Um diesen Schwung bestmöglich zu unterstützen, ist auch von wirtschaftspolitischer Seite zukünftig weiterhin oder sogar noch mehr Entschlossenheit gefordert, die wirtschaftliche Krisensituation transparent anzunehmen und als Chance zu versehen.

Gerade im nächsten Schritt der Maßnahmen muss genau darauf geachtet werden, wohin Ressourcen gelenkt und investiert werden. Dabei spielen folgende Fragen eine zentrale Rolle:

Welche Geschäftsmodelle sind nachhaltig? In welchen Bereichen binde ich Arbeitskräfte und Kapitalressourcen in Bereichen und Branchen, die über kein nachhaltiges Geschäftsmodell verfügen? Wie schaffe ich die bestmögliche Unterstützung dort, wo die Innovationsdynamik am höchsten ist?

Nach einer ersten Phase schneller wirtschaftspolitischer Beschlüsse und Hilfsmaßnahmen „koste es was es wolle“, ist daher nun Ruhe und verstärkter Weitblick auf die Geschäftsmodelle der Zukunft geboten.

„Koste es was es wolle“- und nicht durchgeführte schmerzhafte, aber notwendige strukturelle Reformen – reduzieren den Spielraum, zukünftig wirtschaftspolitische Impulse setzen zu können und die Innovatoren zu pushen.

Dies gilt es transparent zu erkennen und mit ruhiger Hand umzusetzen und zu kommunizieren. Damit die sowohl Gründer als auch innovative etablierte Unternehmen diese Impulse aufnehmen und ihre Wachstumspotenziale bestmöglich ausschöpfen können.

Denn: Nur wenn Du Dich und den Feind kennst, brauchst Du den Ausgang von hundert Schlachten nicht zu fürchten.